Der Schatz von Beerlegem – eine Geschichte in der ErfgoedApp
Einen Schatz zu finden – das beflügelt die Fantasie unzähliger Kinder. Und manchmal … passiert es tatsächlich!
In den 1950er Jahren lebte in Zwalm Hubert De Pessemier, ein Mann, der Sand aus dem Boden grub und verkaufte. Gelegentlich fand er beim Graben eine Scherbe oder eine seltene Perle. Doch eines Tages stieß Hubert auf einen schönen alten Topf und eine Speerspitze. Schon bald erregte der bemerkenswerte Fund die Aufmerksamkeit einiger Archäologen, und die Sandgrube wurde zu einer archäologischen Ausgrabungsstätte umgewandelt.
In den folgenden Jahren wurden an dieser Stelle mehr als 100 Gräber freigelegt. Der Ort erwies sich als große Grabstätte aus der merowingischen Zeit, also dem frühen Mittelalter. Damals befand sich hier, auf dem höchsten Punkt des (heutigen) Dorfes Beerlegem, ein Friedhof. Unter den Reihen mit außergewöhnlichen Gräbern stach ein Grab besonders ins Auge. Es handelte sich um eine Grabkammer mit einem alten Eichenboden und einer Reihe außergewöhnlich schöner Grabbeigaben: der Schatz der Dame von Beerlegem …
Spannung und Abenteuer
Das Grab der Dame von Beerlegem bildet heute den Höhepunkt von „De Schat van Beerlegem“, einem kinderfreundlichen Kulturpfad in Zwalm, einer Gemeinde in den Flämischen Ardennen. Bei der Ausarbeitung des Rundgangs entschied sich die „Erfgoedcel Vlaamse Ardennen“ ganz bewusst für die ErfgoedApp“. Dass die Konzeption und Gestaltung eines solchen Kulturrundgangs auch ein ziemliches Abenteuer sein kann, erfährst du in diesem Blog.
Zunächst einmal war es nämlich unglaublich spannend, in die Vergangenheit einzutauchen, allerlei Fakten und Wissenswertes zu recherchieren und auf Entdeckungsreise zu gehen. Darüber hinaus mussten natürlich auch viele praktische Dinge erledigt werden, wie zum Beispiel die Festlegung der Route. Diese bildete die Grundlage für die Geschichte zum Kulturerbe und bot selbst auch viel Inspiration für unterhaltsame und interessante Fakten. Bei der Routenplanung nutzten wir dankbar das Wanderknotenpunktnetz, sodass wir in vollem Umfang von einer vorgefertigten Beschilderung und einer sicheren Route profitieren konnten.
Danach kam der Inhalt. Der Höhepunkt war die merowingische Grabstätte, aber wir wollten die Jugendlichen auch gerne Schritt für Schritt in die Vergangenheit zurückführen. Wie eine Zeitmaschine versetzt dich jeder POI (Point of Interest, Anm. d. Red.) anhand verschiedener Elemente in der Umgebung und in der Landschaft tiefer in die Vergangenheit. Es sind allesamt Anker aus der Vergangenheit, die wir mit dem heutigen Leben verknüpft haben.
Wir beginnen an der Kirche, wo die Wanderer alte Fotos mit dem heutigen Dorfbild vergleichen können. Was sind die Unterschiede zwischen früher und heute? Was hat sich verändert? Um Vergangenheit und Gegenwart ganz nah beieinander zu bringen, haben wir eine tolle Funktion in der ErfgoedApp genutzt, ErfgoedApp man ein Foto „wegkratzen“ kann. So kommt nach und nach das darunterliegende Foto zum Vorschein und man entdeckt die Unterschiede.
Im weiteren Verlauf des Rundgangs – und damit weiter zurück in der Zeit – zeigen wir ein Bild einer archäologischen Stätte. Indem du die Spuren in der Landschaft auf dem Bildschirm wegkratzt, weckst du den Archäologen in dir. Nach und nach wird die Ausgrabungsstätte sichtbar. Auf dem nächsten Foto begibst du dich dann auf die Suche nach Grabbeigaben und anderen Funden. Archäologie ist ziemlich spannend und faszinierend – sogar auf Fotos!

Die Kraft der Geschichten
An Geschichten und Fotos mangelt es nicht, auch dank unserer lokalen Partner im Bereich Kulturerbe. So führt die Route beispielsweise auch an einem alten Internat vorbei. In der „Erfgoedbank Vlaamse Ardennen“ haben wir Dutzende alter Fotos gefunden, sodass sich schnell eine Geschichte über das Leben der Internatsschülerinnen entwickelte.

Während des Spaziergangs und in den Erzählungen verbinden wir Kultur und Natur, Landschaft und Landschaftselemente sowie menschliche Eingriffe von früher und heute. Die ErfgoedApp einmal mehr als nützliches Hilfsmittel. Ein Quiz spielen, ein Video ansehen, Fotos freirubbeln, Audioausschnitte anhören … in der ErfgoedApp das alles ErfgoedApp . Als Ersteller kann man ganz einfach Abwechslung einbauen und so den Spaziergang spannend gestalten.
Auf geht’s!
Ein weiterer, sehr wichtiger Schritt im Entstehungsprozess war das Aufschreiben der Geschichte und deren anschließende Aufteilung in Abschnitte entlang der Route. Dazu haben wir ein kleines Testpublikum hinzugezogen. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg. Wir hörten aufmerksam auf die Reaktionen dieser „Testwanderer“ und fanden so heraus, wo die Geschichte zu schnell voranschritt oder zu langatmig war und wo die Aufmerksamkeit nachließ und mehr Action nötig war.
Nach einigen Anpassungen an der Handlung gelang es uns, die Texte zu einem kurzen und prägnanten Ganzen zusammenzufassen. Aus Erfahrung wussten wir, dass die Menschen vor Ort lieber zuhören als auf einen Bildschirm zu schauen, und deshalb entschieden wir uns für kurze Audioausschnitte. Mit einem tragbaren digitalen Heimstudio (der Name ist Programm!) suchten wir Mout Uyttersprot auf, um die Texte einzusprechen. Mit seiner begeisterten Stimme und seinem feinen Einfühlungsvermögen hauchte er der Geschichte Leben ein. Der gesprochene Audioguide war fertig und konnte in den Kulturerbe-Rundgang integriert werden.
Ein einzigartiger Mann, ein einzigartiger Ort
Mit dem gesprochenen Audioguide in der Tasche war der Kulturerbe-Spaziergang fast fertig. Was uns noch blieb, war der ultimative Test, nämlich den Spaziergang selbst ein paar Mal auszuprobieren. Zusammen mit meiner Kollegin Lien Urmel machten wir uns auf den Weg. Und bei 23 POIs gab es schon einiges zu entdecken … Es hat Spaß gemacht, und die Handlung passte immer besser zusammen.
Doch der eigentliche Höhepunkt kam, als wir uns eines Tages der archäologischen Ausgrabungsstätte näherten. Dort, in der Sandgrube, war Hubert De Pessemier, der Mann, der damals die Grabstätte entdeckt hatte, immer noch mit seiner Leidenschaft und seiner Arbeit beschäftigt. Er war mittlerweile 90 Jahre alt, genoss seine Arbeit aber von seinem Kran aus nach wie vor in vollen Zügen. Die Geschichten über die Ausgrabung, die mittlerweile 70 Jahre zurücklag, sprudelten aus seinem Gedächtnis, als wäre es erst gestern gewesen. Es war fantastisch, einen Kulturpfad durch die Vergangenheit zu beschreiten und dabei ganz zufällig einem Zeitzeugen zu begegnen. Hubert strahlte, als er noch einmal von den Ausgrabungen, seiner Entdeckung, seinem Lebenswerk und seinem archäologischen Schatz erzählen konnte, den er gefunden hatte. Er erzählte uns, wie er damals sogar die Ausgrabungsstätte bewachte, um die Funde vor nächtlichen Schatzsuchern zu schützen, die mit Spaten bewaffnet vorbeikamen, um einen Blick darauf zu werfen.


Wir machten ein paar Fotos und verabschiedeten uns. Wie groß war unser Unglauben, als wir fünf Tage später die Nachricht erhielten, dass Hubert verstorben war. Der letzte Zeuge dieser Geschichte. Etwas, von dem wir dachten, wir könnten es festhalten, versickerte. Ich starrte auf die E-Mail und versuchte, das gesamte Gespräch mit Hubert in der Sandgrube wieder vor meinem inneren Auge abzurufen. Das unterstreicht auch, wie wichtig es ist, all diese Geschichten festzuhalten, zu bewahren und den nächsten Generationen weiterzugeben. Wir widmen diesen Spaziergang daher mit großer Dankbarkeit und Respekt Hubert De Pessemier und seiner Familie. Wir hoffen, dass viele Menschen während dieses Spaziergangs für einen Moment mit ihm gemeinsam in die Geschichte dieses einzigartigen Ortes eintauchen.
Mit der ErfgoedApp FARO kannst du auf eigene Faust den „Schatz von Beerlegem“ auf eigene Faust erkunden. Der Startpunkt befindet sich an der Kirche von Beerlegem.
Dieser Spaziergang entstand im Rahmen des Projekts „Erfgoed kleurt de Vlaamse Ardennen“ (Das Kulturerbe bringt Farbe in die flämischen Ardennen) der Erfgoedcel Vlaamse Ardennen. Wir bedanken uns herzlich bei allen, die zu dieser Geschichte beigetragen haben: der Gemeinde Zwalm, der Archeosite Velzeke, dem Heimatverein Zwalm und der Familie De Pessemier.