Gregorianische Gesänge

Wahrscheinlich Ende des 9. Jahrhunderts schrieb Hucbald von Saint-Amand (heute Saint-Amand-les-Eaux, in der Nähe von Valenciennes, Frankreich) seine Gedanken zur Musik auf Pergament nieder.

Damals wurde Musik größtenteils mündlich weitergegeben. Hucbald schlug eine neue Form der Notenschrift vor. Er fügte Zeichen über den Text ein, die die Töne in den verschiedenen Tonarten angaben. Dank seiner Arbeit und der anderer Musiktheoretiker, wie dem Italiener Guido von Arezzo, wissen wir heute, wie die Musik des frühen Mittelalters ungefähr klang. Es war kein Zufall, dass Hucbald und Guido beide Mönche waren.

Im katholischen Westeuropa war Musik schließlich nicht nur eine Kunst- oder Freizeitform. Sie hatte auch eine wichtige religiöse Funktion.

Papst Gregor der Große diktiert die kirchlichen Gesänge, um 1000 – © Wikimedia Commons
Papst Gregor der Große diktiert die kirchlichen Gesänge, um 1000 – © Wikimedia Commons

Die Liturgie – der Inhalt einer Messe – wurde fast vollständig gesungen. Im 9. Jahrhundert entstand eine Legende, die dies rechtfertigte. Um das Jahr 600 soll der Heilige Geist in Gestalt einer Taube dem damaligen Papst, Gregor dem Großen, die kirchlichen Gesänge eingeflüstert haben. Diese Gesänge waren heilig und mussten überall in der katholischen Liturgie verwendet werden. Die Legende gab der Kirchenmusik auch einen Namen: „Gregorianik“.

Es war einstimmige Chormusik. Das heißt nicht, dass es nur einen Sänger gab, sondern dass alle Sänger dieselbe Melodie sangen.

Der Chor (es gab sowohl Männer- als auch Frauenchöre) wurde nicht von Instrumenten begleitet und sang in der Regel auf Latein.

In der ehemaligen St.-Bavo-Abtei in Gent wurde Gregorianik gesungen, wie eine erhaltene Handschrift belegt.

Jahrhundertelang begleiteten gregorianische Gesänge die Menschen bei wichtigen Momenten ihres Lebens, wie der Taufe und dem Tod. Beerdigungen wohlhabender und bedeutender Persönlichkeiten, wie beispielsweise der Gräfin Judith von Flandern im Jahr 879, wurden von zahlreichen Gesängen begleitet.

Wunderschön illustrierte Handschriften vermitteln uns einen Eindruck von der Verbreitung der gregorianischen Musik. So sind beispielsweise Lieder aus der St.-Bavo-Kirche in Gent erhalten geblieben, in denen das Leben des örtlichen Heiligen Bavo besungen wird.

Evangelienbuch mit gregorianischer und polyphoner Musik, 900–1399 – © KIK-IRPA, Brüssel – topstukken.vlaanderen.be, Foto: Jean-Luc Elias
Evangelienbuch mit gregorianischer und polyphoner Musik, 900–1399 – © KIK-IRPA, Brüssel – topstukken.vlaanderen.be, Foto: Jean-Luc Elias
Das Teseum in Tongeren bewahrt wertvolle mittelalterliche Handschriften mit gregorianischer und polyphoner Musik.

Die gregorianische Musik blieb bis ins 15. Jahrhundert hinein vorherrschend. Dann gewann die polyphone oder mehrstimmige Musik an Beliebtheit.

Die Alamire Foundation erstellte ein Verzeichnis der in Flandern erhaltenen Antiphonare (Chorbücher). Das Antifonarium Tsgroote ist ein flämisches Meisterwerk, das Sie im Boekentoren in Gent bewundern oder virtuell durchblättern können.

Diese Geschichte wurde vom Geheugen Collectief für das FAAM – Virtuelles Museum erstellt.

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