Nicht jedes Tattoo besteht aus Tinte. Verschiedene Bevölkerungsgruppen im Kongo nutzten eine besondere Form der Körperverzierung: die Skarifizierung. Durch das Erzeugen von Narben entstanden dekorative Formen auf der Haut, oft in komplexen geometrischen Mustern. Zur Zeit des Unabhängigen Kongostaates und später im Belgisch-Kongo wurde diese Praxis von Kolonialwissenschaftlern ausführlich untersucht, gezeichnet und fotografiert. Die Wissenschaftler und Ethnologen bezeichneten die kongolesischen Skarifikationenals „Tatouage“– obwohl dabei also keine Tinte zum Einsatz kam.

Durch Zeitschriften, Fotos und (Welt-)Ausstellungen lernte das Belgien des späten 19. Jahrhunderts die kongolesischeTatouage kennen. Kunstpioniere wie der Architekt und Designer Henry Van de Velde ließen sich davon inspirieren und verwendeten die Muster in ihren eigenen Werken. So ist der belgische Jugendstil direkt den traditionellen Formen der Körperverzierung aus dem Kongo verpflichtet.

„Tattoo“ ist eigentlich ein polynesisches Wort. Der britische Seefahrer James Cook begegnete Ende des 18. Jahrhunderts in Polynesien stark tätowierten Inselbewohnern.
Durch Berichte über diese Reise fand der Begriff auch in Europa Eingang. Die Menschen im Westen waren fasziniert von den „exotischen“ Körperverzierungen der Völker, die sie eroberten. Im Jahr 1871 schrieb der Biologe Charles Darwin, dass es kein Land auf der Welt gebe, in dem sich die Bevölkerung nicht tätowieren lasse.
Archäologische Funde von tätowierten Mumien und bemalten menschenförmigen Figuren haben gezeigt, dass die Tätowierung wahrscheinlich so alt ist wie die Menschheit selbst. Seit Jahrhunderten gestalten Menschen ihren Körper auch auf andere Weise, beispielsweise durch Schädelverformung, absichtlich herbeigeführte Narben, Piercings oder plastische Chirurgie. Sie tun dies aus ästhetischen, religiösen oder symbolischen Gründen.
Für manche ist diese Art der Körperverzierung eine Kunstform für sich. Sie hat auch andere Kunstformen beeinflusst, wie beispielsweise den Jugendstil. Manche Künstler wiederum greifen diese Praxis direkt in ihren Werken auf, wie zum Beispiel Wim Delvoye, der sowohl Menschen als auch Schweine tätowierte.
Diese Geschichte wurde vom „Geheugen Collectief“ für das FAAM – Virtuelles Museum – erstellt.









